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mandarin-verlag Holger Montag Am Neuhauser Weg 80, D - 66125 Saarbrücken info@mandarin-verlag.de |
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Kaufen Sie gerne die Katze im Sack? - Na eben! Wir haben daher einige Leseproben für Sie herausgesucht, um Ihnen einen kleinen Einblick in die Bücher zu verschaffen. Wir wünschen Ihnen viel Spaß!
Auszug aus SCHWARZER WALD Finster und abweisend baut sich der Wald vor uns auf.
Im fahlen Licht der Abenddämmerung wirken die ohnehin schon
gewaltigen Tannen noch größer. Geschlossen wie Mauern
flankieren sie die schneeverwehte Straße, die sich schüchtern
durch sie hindurch windet. Die Baumkronen scheinen sich einander zuzuneigen, als
tuschelten sie über uns. Von Zeit zu Zeit rutscht der Schnee
von ihnen herunter und landet mit einem erstaunlich lauten Klatschen
auf der Windschutzscheibe. Für einen Moment habe ich sogar das Gefühl,
ein eiskalter Tropfen sei auf meinem Augenlid gelandet. Ich schaue
nach oben und taste den Fahrzeughimmel ab. Er ist trocken. „Was tust du da?“, fragt Tim. „Nichts“, sage ich und schüttele seinen Blick ab,
„gar nichts.“ Die Straße ist sehr glatt, wir kommen nur langsam
voran. Ab und zu kann man jenseits der Fahrrinne einen dieser düsteren
Bauernhöfe erspähen, doch niemals brennt dort Licht. Es
scheint Stunden her zu sein, seit wir zuletzt ein bewohntes Gehöft
passiert haben. In der Gegend möchte man nicht überm Zaun
hängen, so hätte mein Vater diesen Landstrich wohl charakterisiert
und in seinem Lieblingsspruch wie immer das Wörtchen „tot“
vergessen. Dieser Spruch ist so ziemlich das Einzige, was mir von
ihm in Erinnerung geblieben ist. Und selbst den kenne ich womöglich
nur aus Erzählungen. Ein bläuliches Licht liegt in der Luft, zuckt und
verflüchtigt sich, sobald ich genauer hinsehe. Die Konturen
der Landschaft um uns herum sind nur schemenhaft erkennbar, noch
immer schneit es in dicken Flocken vom Himmel herab. Es war schön gewesen, dies alles bei Tag zu sehen,
doch im Halbdunkel des hereinbrechenden Abends fühlt man sich
in eine bedrohlich anmutende Welt oder - positiver ausgedrückt
- in ein Märchen versetzt, in dem jede Scheune wie eine Höhle
und jeder Bauernhof wie ein Hexenhaus aussieht. Der Zuckerguss auf
den Dächern ist da, es fehlen eigentlich nur noch die bunten
Lichter im Fenster. Judith kannte die Gegend aus früheren Jahren und
hatte uns versichert, die Unterkünfte seien billig und die
Loipen würden früh und regelmäßig gespurt.
So hatten wir uns kurz entschlossen zusammengetan und ein paar Sachen
gepackt. Der Schwarzwald gehörte uns in diesen vier Tagen,
in den Loipen begegnete einem nahezu niemand, und ich für meinen
Teil fühle mich trotz allen Ärgers gut erholt. Es geht eng zu in Armins Toyota. Judith sitzt vorne bei
ihm und gibt die Strecke vor. Die beiden sind erst seit kurzem zusammen,
und es freut mich für Judith, dass sie offenbar gut miteinander
harmonieren, obwohl ich dieser Verbindung anfangs mit gemischten
Gefühlen gegenübergestanden habe. Inzwischen aber denke ich, dass Armin perfekt zu Judith
passt. Sie ist ein sehr netter, aber auch komplizierter Mensch,
und es ist für ihren Partner nicht einfach, ihrem Wesen gerecht
zu werden. Das Gleiche kann man übrigens über Sara und
Tim sagen, die neben mir im Fond sitzen. Wobei ich das nett schon wieder relativieren würde, vielleicht müsste
man sie dazu besser kennen. Ihre komplizierte Seite hingegen ist
uns inzwischen allzu sehr vertraut. „Und den wollte Claussen unbedingt im Team haben?“, fragte mich
Judith einmal leise, als wir Karotten fürs Abendessen schälten.
Tim hatte zunächst versucht, uns seinen Teil der Küchenarbeit
zuzuschanzen, und sich schließlich so bös in den Finger
geschnitten, dass Sara und Armin ihm im Bad einen Verband anlegen
mussten. „Ist der auf der Arbeit genauso ungeschickt?“ „Im Gegenteil“, sagte ich. „Meinst du, er verscheißert uns?“ „Ich hab noch nicht rausbekommen, ob es bloß ne
Masche ist. Vermutlich schon.“ Tim ist noch relativ neu in meinem Projektteam, trotzdem
riss er uns alle schon bei unserem ersten gemeinsamen Auftrag mit
seinen Ideen mit. In Sachen Kreativität und Planung ist er
mir ein Stück weit voraus, wie ich zugeben muss. Andererseits ist unsere Kundschaft eher konservativ orientiert,
und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Claussen mir in
meiner Anfangszeit genau das Experimentieren mit neuen Formen, Anordnungen
und Materialien strikt untersagt hatte, wegen dem er Tim derzeit
mit Lob überschüttet. Da nur einer von uns im kommenden Jahr in die Projektleitung
aufsteigen wird und Claussen den Wettbewerb zwischen uns bewusst
schürt, halte ich für gewöhnlich bewusst ein wenig
Abstand zu Tim und trinke nach der Arbeit höchstens mal ein
Bier mit ihm. Als ich ihm kürzlich von meinem geplanten Kurzurlaub
erzählte, fragte er spontan, ob er und seine Frau nicht mitkommen
könnten. Ich fühlte mich ein bisschen überrumpelt,
war aber zugegebenermaßen auch neugierig, mehr über ihn
zu erfahren. Also besprach ich mich mit Judith, die keine Einwände
hatte, und so waren wir zu fünft losgefahren. Jetzt wünsche
ich mir, sie hätte Nein gesagt. Oder ich. Es wäre uns
einiges erspart geblieben. Sara und Tim befinden sich im ehelichen Dauerstreit, seit
wir die Fahrt angetreten haben. Womit dieser ursprünglich mal
begonnen hat, kann ich nicht mehr sagen, aber er zieht sich durch
diese gemeinsamen Tage wie ein roter Faden. Einen Urlaub mit Judith zu verbringen ist eine gefahrlose
Sache, das habe ich schon ein Dutzendmal gemacht. Dies aber ist
etwas anderes, und es ist mir peinlich, dass der Vorschlag, Tim
und Sara mitzunehmen, ausgerechnet von mir gekommen war. Seit der Sache beim Frühstück schweigen sie
sich nur noch an. Wieder mal eine Kleinigkeit, wieder mal Streit
bis aufs Messer. Alle sind sauer, die Stimmung ist im Eimer. Im
Stillen beneide ich Judith und Armin um ihr einsilbiges Gespräch
über die Straßenverhältnisse. Ich dagegen sitze neben zwei in Verbohrtheit erstarrten
Schaufensterpuppen, und es ist nicht damit zu rechnen, dass während
der Heimfahrt noch ein weiteres Wort fallen wird. Aber das ist vielleicht
auch besser so. „Was ist los?“, frage ich, als wir anhalten. Sara und
Tim schlafen, und auch ich habe etwas vor mich hingedöst. Es
ist noch nicht spät, aber die Dunkelheit und die Schaukelei
im Auto machen müde. 19:17 zeigt die Digitaluhr im Armaturenbrett
an. „Wir haben uns verfahren“, antwortet Armin. Er schaltet
das Innenlicht an, um selbst einen Blick auf die Karte zu werfen,
die Judith aus-einandergefaltet hat. Sara neben mir knurrt unwillig und macht Anstalten, sich
im Schlaf an meine Schulter zu schmiegen. Auf der Hinfahrt hätte
ich mich dagegen nicht gewehrt, aber inzwischen vermag ihr schönes
Gesicht die Tatsache nicht mehr aufzuwiegen, dass sie eine nachtragende
Zicke ist. Ich schiebe sie von mir weg, hinüber zu Tim, der
hat sie immerhin geheiratet. Judith und Armin brüten über der Straßenkarte,
das Lämpchen über ihren Köpfen verbreitet ein kaltes,
weißes Licht. Ich sehe nach draußen. Es ist mittlerweile
stockdunkel, und selbst der Schnee auf den Bäumen erscheint
nur noch als blaugrauer Schatten. Anscheinend befinden wir uns auf einer Art Feldweg, denn
es sind weder Laternen noch irgendwelche Straßenbegrenzungen
zu entdecken. Judith meint, sie habe die Gegend noch nie gesehen,
wobei ich mich frage, ob ich in der Dunkelheit meine eigene Heimatstadt
erkennen würde. Sie zeigt auf einen Punkt auf der Karte, wo sie unseren
gegenwärtigen Standort vermutet. Laut Armins Schätzung
sind wir allerdings ganz woanders. Kurzum, wir haben auch nicht
die leiseste Ahnung, wo genau wir uns befinden. Uns wird nichts
anderes übrig bleiben, als weiterzufahren und nach Straßenschildern
Ausschau zu halten, die auf Orte hinweisen.
Auszug aus LIEBE ODER SO
Es gibt da diese Farbe bei Sahm, die einem beim Betrachten
unheimlich auf die Eier geht. Eine Art Türkis, wie man es manchmal
in der Brandung des Meeres sieht – oder in der Verschalung eines
Siemens-Computers, wenn man mit Romantik weniger am Hut hat. Ich
fragte mich, weshalb dieses Türkis in fast all seinen Bildern
eine derart tragende Rolle spielen musste. Wie bei einem Regisseur,
der sich seiner Jugendliebe gegenüber verpflichtet fühlt
und sie immer wieder als Hauptdarstellerin einsetzt, obwohl er weiß,
dass der Film darunter leiden wird. Mir ging die Sache nach, ich
wurde richtig nervös dabei. Ich war gerade im Begriff, eines dieser
Dinger zu rahmen, als der Typ wieder auftauchte, diesmal zusammen
mit meinem Chef. Der blieb einfach am Eingang stehen und sah auffordernd
zu mir herüber. Ich beschloss, ihn nicht weiter zu beachten.
Der Rahmen war praktisch fertig, aber ich retuschierte weiterhin
wie ein Wilder an den Gehrungskanten herum, die bereits wie Speckschwarten
glänzten. „Komme gleich!“, rief ich ihnen zu. Ich wusste, dass ich
meinen Chef damit auf die Palme trieb. Er war einer dieser Choleriker,
die ständig Überdruck produzieren und mit fünfzig
an ihrer Verkrampftheit krepieren. In dem Baumarkt, zu dem mein
Laden gehörte, galt er als Fachmann für Kloschüsseln,
was seinen begrenzten Zugang zur Kunst zumindest teilweise erklärte. Schließlich kamen die beiden zu mir rüber.
Mein Chef war auf hundertachtzig, ich spürte es, brauchte ihn
gar nicht anzugucken. „Dieser Herr hier war gerade bei mir. Er sagt, Sie wollten
ihm keinen Rahmen verkaufen.“ „Stimmt. Hat er Ihnen auch gesagt, warum nicht?“ „ - - - ?“ „Weil das Bild keinen Rahmen verdient.“ „Unverschämtheit!“, heulte der Typ mit einer gewissen
Theatralik auf. Wir beachteten ihn gar nicht. „Soll ich Ihnen mal zeigen, was er wollte?“ Ich schnappte
mir die Jutetasche, die er in der Hand hielt. Das Bild kam in all
seiner Scheußlichkeit zum Vorschein, ich hielt das Metermaß
dagegen, so dass der krumme Rand noch besser zu erkennen war. „Das ist das Bild. Und jetzt der Rahmen.“ Die Musterecke lag noch auf dem Beratungstisch, ich hielt
sie statt des Meters an die Bildkante. Ein Blinder konnte sehen,
dass beides technisch nicht zusammen passte, vom Stil möchte
ich erst gar nicht anfangen. „Hübsch, was? Wie die Faust aufs Auge.“ „Er wollte ein Stück von meinem Bild abschneiden“,
beschwerte sich der Typ. „Ich hab Sie aber auch auf die Alternative hingewiesen,
das Ding mit Füllschaum auszuspritzen, damit es passt.“ Mein Chef nahm mir das Bild aus der Hand und versuchte,
das Rähmchen so zu wenden, dass es den hässlichen Rand
verdeckte und die Lücke schloss, die zwischen beiden aufklaffte.
Der Typ neben ihm trat von einem Fuß auf den anderen, er verlangte
nach einer Entscheidung. Mein Chef traf sie nach einigem Hin und
Her zu seinen Gunsten. „Na ja, dann müssen Sie ihm halt einen anderen Rahmen
raussuchen. - Wie wär’s denn zum Beispiel mit dem hier?“ Der Kunde sah nur einen Moment hin und schüttelte
den Kopf; ansonsten ließ er mich nicht aus den Augen. Es gibt
so Menschen, die fordern ihr Schicksal täglich aufs Neue heraus,
irgendwann würde der Tag kommen, an dem er sich in einer dunklen
Ecke wiederfand, aus der es kein Entrinnen gab. Aber ich stand nur da und hörte meinem Blut beim
Köcheln zu, während mein Chef geschäftig an der Wand
mit den Musterstücken entlangstrich. „Hier - wie ist der?“ Am liebsten hätte ich den Laden auf der Stelle in
Ground Zero verwandelt. Die Chancen, dass dabei die Richtigen draufgingen,
standen zwei zu eins. Ruhig, ganz ruhig, sagte ich mir innerlich. Endlich drehte sich der Typ zu meinem Chef um und die
beiden hielten abwechselnd die Musterecken an das verdammte Bild.
Als sie zum Tisch rübergingen, machte ich mich wieder an die
Arbeit und warf ihnen einen gleichgültigen Blick zu. Draußen
flanierten die Mädchen in kurzen Röcken vorbei und ich
schlug die Zeit mit diesen Schwachköpfen tot. Die Welt ist
grausam. Eine halbe Stunde später schlossen sie mit lautem
Tamtam den Auftrag ab. Der Typ verschwand, und mein Chef kam zu
mir rüber. Das Kommen-Sie-bald-wieder-Lächeln gefror auf seinem Gesicht, als er durch
die Zähne hindurch zischte: „Das ist das letzte Mal. Noch eine solche Sache, und Sie
fliegen raus.“ Na und? rief es in mir, im Geiste packte ich bereits meine
Koffer. „Ich habe den Auftrag für Sie fertig gemacht. Er
kommt morgen früh vorbei, um das Bild abzuholen.“ „Morgen? Was ist mit dem Auftrag für die Staatskanzlei?
Und mit dem Zeug hier?“ Ich zeigte auf die im Regal stehenden Bilder, die auf
ihre Einrahmung warteten. Mein Chef verzog keine Miene. „Müssen Sie halt ein bisschen schneller arbeiten,
nicht? - Jedenfalls habe ich zugesagt, dass das Bild morgen Mittag
fertig ist, und ich bin hier der Entscheidungsträger. Notfalls
müssen Sie halt einen von denen hier anrufen und sagen, dass
es länger dauert. Lassen Sie sich einfach mal was einfallen.“ Und weg war er. Ich verfluchte seine letzten Knochen.
Aber so war das eben, wenn man auf der Seite mit dem kürzeren
Hebel saß. Ich arbeitete erst seit ein paar Wochen dort, doch
ich wusste meine schwache Position durchaus einzuschätzen. Während ich die Musterecken wieder an ihren Platz
hängte, las ich mir den Auftrag durch. Das Rähmchen, das
mein Chef diesem Arschloch verkauft hatte, war genauso instabil
wie das ursprüngliche. Zudem hatte er einen fetten Rabatt gewährt,
schließlich war bei uns der Kunde noch König. Fein, sagte ich mir, er will es nicht anders. Wobei abzusehen war, an wem der Ärger hängen
bleiben würde, wenn das Teil irgendwann von der Wand fiel.
Ich wischte den Sahm ab und wickelte ihn in Packpapier ein, ehe
ich ihn zu den anderen erledigten Arbeiten stellte. Die Sachen für die Staatskanzlei waren beinahe fertig
und ich hatte mich diesmal selbst übertroffen. Obwohl die Aquarell-Vorlagen
grauenhaft waren und der geschniegelte Bursche, der sie gebracht
hatte, mich aufs Blut gereizt hatte, war es ein Genuss, endlich
einmal frei arbeiten zu können, ohne vom Geiz der Kunden eingegrenzt
zu werden. Der Baumarkt schloss um halb neun, aber da der Hauptkassierer
mich nicht leiden konnte, kam ich wieder mal als letzter dran. Wir
prüften die Kasse geschlagene vier Mal, jedes Mal mit einem
anderen Ergebnis. Der Typ war jung und bleich, schon jetzt ein Schatten
seiner selbst. Wenn ich ihn so ansah, hätte ich ihm nicht mehr
als zwei oder drei Jahre gegeben, seine Angelegenheiten zu regeln.
Aber ich hätte wetten können, dass er sich ebendiesem
Job voll und ganz verschreiben würde, es war ein Jammer mit
meiner Generation. Gegen zehn kam ich endlich zu Hause an. Sonja war nicht
da, aber das hatte ich auch nicht anders erwartet nach dem gestrigen
Abend. Es war mal wieder hoch hergegangen, manchmal fragte ich mich,
warum wir uns das eigentlich antaten, schließlich mochten
wir uns doch ganz gerne. Die Stille in der Wohnung tickte nervtötender als
ein Metronom. Ich rückte an allem, was mir in die Finger kam,
um nicht in trübsinnige Gedanken zu verfallen. Trotzdem kam
mir mein Chef in den Sinn und dieses Monstrum von einem Bild, für
das man eigentlich einen Rahmen aus Hefeteig hätte backen müssen.
Und ich bin hier der Entscheidungsträger. Warum musste ich mir eigentlich die Zeit mit solchem Unsinn
um die Ohren schlagen? Dieses Bild, mein Chef, der Baumarkt, das
alles war doch total unwichtig. Andere Menschen hatten den Tag genutzt,
um sich zu verlieben, den Krebs zu besiegen oder kilometerhohe Gebäude
zu entwerfen. Und ich? Während ich noch darüber nachdachte, meldete
sich mein Magen zu Wort. Ich nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank
und durchsuchte ihn bei der Gelegenheit nach einem Eckchen Käse
oder einer vergessenen Scheibe Wurst. Vergebens, da stand bloß
eine Unmenge von Laktatjoghurt, ich würde morgen einkaufen
müssen. Ich machte mir ein paar Ravioli warm und setzte mich vor
die Glotze. Die Spätfilme liefen gerade an, nichts Besonderes
darunter, aber immer noch besser als die Serien zur Hauptsendezeit.
Beim Essen zappte ich ein wenig hin und her und tauschte in der
Werbepause den Topf gegen den letzten dieser sagenhaften Blaubeer-Muffins
von Sonjas Mutter. Helene war schon eine tolle Frau, nicht nur wegen ihrer
Torten und dem ganzen Kram. Sie war einer der nettesten Menschen,
die ich kannte, und die umwerfende Aura hatte Sonja eindeutig von
ihr. Leider hatte sie andererseits auch die Kompliziertheit ihres
Vaters geerbt, und obwohl wir nun bereits seit fast vier Jahren
zusammen waren, wollte es mir einfach nicht gelingen, sie in irgendeiner
Weise zu verstehen. Ehe ich mich für ein Programm entscheiden konnte,
endeten die Spätfilme. Ich hatte große Lust auf eine
Zigarette, aber da ich in unserer Wohnung nicht rauchte und mir
nicht nach Bewegung war, lutschte ich die letzten Tropfen aus der
Bierflasche und ließ mich weiter berieseln. Sonja machte keine
Anstalten, nach Hause zu kommen, und das Programm verschlechterte
sich weiter. Während ich so dasaß und mich von Snooker-Billard
über einen Billigporno zu türkischem Fußball durchhangelte,
fragte ich mich, wo sie wohl stecken mochte und wie viele Typen
wie ich wohl um diese Zeit darauf warteten, dass ihr Leben weiterging. . . . Auszug aus REISEN MIT PIPPO
. . . Es war sinnlos, zu stark brannte die Sonne
herunter. Am liebsten hätte ich bis zum Abend im Seelisberg-Tunnel
geparkt. Obwohl wir dort weder Gegen- noch Seitenwind hatten, bremsten
wir die an unserem Heck klebenden Laster gehörig aus. Die verlorene
Zeit würden sie am Nachmittag fluchenderweise aufzuholen haben,
zumal sie sich bereits wenige Kilometer zuvor an der Lärmschutz-Großbaustelle
bei Luzern zu einem einzigen gigantischen Güterzug zusammen
geschoben hatten. Als wir nach endloser Fahrt endlich wieder
ins Freie gelangten, nutzte ich die erste Raststätte für
einen Routinecheck des Sarginneren. Wie befürchtet, waren die
Tiefkühlhähnchen inzwischen ebenso getaut wie die Putenbrust.
Ein dünnes Rinnsal kühlen Wassers plätscherte auf
die Motorhaube. „Was jetzt?“, fragte Steffi, die etwas
abseits auf einer Steinbank saß. Weiter hinten war ein mattgrünes
Klohäuschen zu sehen, das stark frequentiert wurde, ein ständiges
Kommen und Gehen. Eine ganze Armada von LKW parkte gegenüber,
darunter drei Tankwagen mit gleichem Logo, die wahrscheinlich Kolonne
fuhren. Eine Frau mit käsigem Teint führte ihren Sohn
zur Toilette; zwei Autos neben uns schlief ein Mädchen auf
dem Rücksitz eines Toyota. Irgendwann endlich fiel mein Blick
durch die Scheiben unseres eigenen Wagens, und plötzlich hatte
ich eine Idee. „Jetzt“, sagte ich und schnappte mir mit
einem gezielten Griff ins Innere den Grillrost, „jetzt wird geschwenkt!“ „Du spinnst!“ „Willst du etwa das ganze Zeugs hier wegschmeißen?“ „Luca - damit haben wir 'ne Leiche gekühlt!“ „Ich würds noch lauter rausschreien...!
Außerdem hab ich dir schon mal gesagt, dass du Pippo nicht
so nennen sollst!“ Steffi senkte ihre Stimme. „Das geht doch nicht!“ „Warum nicht? Der Kram ist vakuumverpackt
und schockgefroren. Und Opa ist frisch gewaschen.“ Das Aufbauen des Grillgestells war nicht
einfach, aber irgendwie bekam ich die Sache hin. Jetzt noch die
Kette am Rost ein- und am Gestell aufgehängt, und fertig war
der Schwenker. In Gedanken suchte ich nach einem Adjektiv für
ihn und fand, dass ‚niedlich’ ihn am ehesten charakterisierte: Er
hatte einen Durchmesser von weniger als dreißig Zentimetern. „Mach, was du willst, aber erwarte bloß
nicht, dass ich davon was esse!“ „Hab dich nicht so! Das wird bestimmt
lecker!“ „Nein!“ „Steffi...“ „Nein!“ „Könntest du mir dann wenigstens
beim Aufbauen helfen?“ Ich platzierte den Grill über der
etwas abseits liegenden Feuerstelle. Kleinholz fand ich im Gebüsch,
Papier im Mülleimer, und im Nu hatte ich ein fröhlich
flackerndes Feuerchen entfacht, während Steffi die Verpackungen
der Tiefkühlprodukte aufriss, die ich dem Sarg entnommen hatte. Die ersten Neugierigen näherten sich
dem Cinquecento, einige auch meinem Feuer. Ich nutzte die Gelegenheit
und lud sie gleich vor Ort zum Mittagessen ein. Die Sache ließ
sich besser an als erwartet; während die Hähnchenschenkel
auf dem Schwenker brutzelten, saß ich bereits mit einer Familie
aus Völklingen und zwei schweizer Wohnmobilcampern bei der
exotischen Vorspeise zusammen - Lachs mit chinesischem Reisgemüse.
Die Schweizer hatten Kartoffelsalat, die Völklinger Butterbrote
beigesteuert, und Steffi hatte sich nach langem Hin und Her doch
noch breitschlagen lassen, zumindest ein bisschen von dem Salat
zu essen - ein Fehler, wie sich noch herausstellen sollte. Ich legte die Würstchen auf und tätigte
ein paar Geschäfte. Einer der drei Tankwagenfahrer tauschte
ein Sechserpack Dosenbier gegen drei Schwenker im Brötchen,
und ein Holländer drückte mir für seine Mahlzeit
einen Zwanziger in die Hand. Wir ließen es uns gut gehen und
stießen auf unser Festgelage an, während unsere Kühlakkus
im Gefrierfach des Wohnmobils zu neuen Kräften kamen. Was denn eigentlich in unserem Jetbag
sei und wieso er eine solch groteske Form hätte, wollte irgendwann
einer der Schweizer wissen. Davon, dass man sein Gepäck kühle,
habe er schließlich noch nie gehört. Mir war mit einem
Male ziemlich mulmig zu Mute. Jetzt musste mir was einfallen, und
zwar etwas Gutes. „Bestimmt hat er da seine Schwiegermutter
drin“, witzelte der Schweizer. Die Umstehenden lachten. „Nein“, sagte ich lässig, „meinen
Großvater.“ „ - - - ?“ „Seinen Großvater!“ „Sie glauben mir wohl nicht? - Dann sehen
Sie mal her!“ Ich ignorierte Steffis entgeisterten Blick
und öffnete die Klappe des Jetbags. Der Schweizer warf einen
Blick hinein und bekam große Augen. „Mein Gott!“ „Was ist?“, fragte sein Kumpel. „Da liegt tatsächlich einer drin.“ „Wie jetzt?“ „Na, ein Mann! Da liegt ein Mann drin!“ Der zweite Schweizer kam heran und besah
sich Opas Schuhsohlen. „Nun, es ist eigentlich kein richtiger
Mann“, merkte ich an. „Sondern?“ „Eine Wachsfigur.“ „Wachsfigur? Auf diesem Auto?“ Ich fragte mich, ob ein toter Großvater
ihnen plausibler vorkäme, sagte aber: „Ja. Wir müssen halt sparen. - Also,
besser gesagt, die Mitarbeiter des museo delle cere in Cocúmola.“ „ - - - ?“ „Kennen Sie Cocúmola? Wahrscheinlich
nicht. - Sehen Sie, es ist ein ziemlich kleiner Ort in Apulien,
und mit den finanziellen Mitteln, die dem Kurator des Museums zur
Verfügung stehen, kann man nicht gerade große Sprünge
machen. Das Museum ist sehr bescheiden eingerichtet, aber man versucht,
neue Wege zu gehen.“ Ich ließ den Blick durch die Runde
schweifen. Die Leute warteten auf die Auflösung, also tat ich
ihnen den Gefallen. „Na ja, eine gut gemachte Wachsfigur kostet
eine Menge Geld. Also hat man sich überlegt, sich für
den Anfang mit Figuren zu begnügen, die andere Museen nicht
mehr benötigen, weil sie unpopulär geworden oder nicht
mehr aktuell sind.“ „Zum Beispiel?“, fragte der Völklinger
Familienvater. Ich zeigte mit schwungvoller Geste auf den Sarg. „Wolfgang Schäuble!“ „Wolfgang Schäuble?“ „Genau der. Wir mussten extra einen Transportbehälter
anfertigen lassen, weil man ihn in sitzender Position gestaltet
hat. Sehr unpraktisch.“ Der Völklinger, der ins Innere des
Jetbags linste, wurde nun mutiger. „Kann ich ihn mal anfassen?“ Ich zögerte, aber was blieb mir übrig? „Sicher doch - Überzeugen Sie sich
ruhig, die Arbeit ist erstklassig!“ Er näherte sich vorsichtig Pippo
und hob ein Hosenbein an. „Da sind ja Haare drauf!“ „Wie ich sagte: Erstklassige Arbeit.“ „Evelyn, komm mal her - das musst du dir
ansehen! Der hat Haare auf den Beinen!“ Doch seine Frau schüttelte den Kopf. „Komm doch - der beißt nicht!“ Aber Evelyn blieb standhaft, also kam
der Völklinger schließlich zurück zum Grill. Die
Schweizer versuchten, das Gesicht der Wachsfigur auszumachen, aber
es war zu dunkel, und die Knie waren im Weg. „Was ist mit dem Rollstuhl?“ „Was soll damit sein?“ „Na, Schäuble sitzt doch im Rollstuhl!“ „Ach, das. Der war zu teuer. Im Museum
wird man ihn wahrscheinlich hinter einen Schreibtisch setzen oder
so.“ „Und Sie arbeiten also für dieses
Museum?“ „Ja, aber nur selten. Normalerweise kauft
der Kurator seine Figuren nur in Italien, und eine Spedition übernimmt
den Versand. Aber ich war ohnehin auf dem Weg nach Italien, und
dies hier war ein Schnäppchen. Ich habe durch Bekannte zufällig
Wind davon bekommen, dass ein Museum in Süddeutschland sich
von einigen Figuren trennen wollte, die mehr oder weniger in den
Parteispendenskandal verwickelt sein sollen, und den Kurator verständigt,
dass ich ihm probehalber eine mitbringe.“ „Ah ja?“ „Kohl hätte ich sogar umsonst gekriegt.“ „Warum haben Sie ihn nicht genommen?“ „Wie hätte ich den denn auf meinen
Wagen kriegen sollen? - Außerdem wollen den nicht mal mehr
die Italiener haben.“ Die Schweizer kamen herüber und setzten
sich zu uns. „Aber schmilzt die Figur denn nicht in
dieser Hitze?“, fragte einer von ihnen. „Das genau ist das Problem“, meinte ich,
„wir müssen alle paar Stunden anhalten, um für ausreichende
Kühlung zu sorgen. Wenn das so weitergeht, ist bis Cocúmola
nichts mehr von Wolfgang übrig.“ „Sie wollen an die Adria?“ Ich nickte. „Schade. Wir fahren die andere Richtung,
sonst hätten wir Ihnen mit unserem Kühlschrank ausgeholfen.
Aber Sie könnten unsere Akkus zusätzlich mit hinein packen.“ „Danke, aber die brauchen Sie doch sicher
selbst...-“ „Ach was, nehmen Sie sie schon! Sagen
wir, als Gegenleistung fürs Essen.“ Und schon stieg er ins Wohnmobil und kam
nach kurzer Zeit mit einer Plastiktüte voller Kühlakkus
zurück. Während die Völklinger die Grillstelle säuberten
und Steffi, bei der sich der Kartoffelsalat zurückmeldete,
auf der Toilette verschwand, packte ich zusammen und verstaute die
Akkus im Jetbag, die mir der Schweizer anreichte. Fünf Minuten
später waren wir startklar. Opa war gekühlt, der Schwenker
verstaut, und wenn wir es heute noch bis Cattolica schaffen wollten,
mussten wir uns ganz schön ranhalten. Die Schweizer, die selbst am Aufbrechen
waren, klopften zum Abschied auf den Sarg: „Gute Reise, Herr Sc häuble!“ Im Rückspiegel sah ich, dass sie
uns nachwinken. Nicht zu fassen, wir fuhren mit einem Toten quer
durch Europa, aber überall hinterließen wir fröhliche
Menschen. „Cucumula?“, fragte Steffi zweifelnd. „Cocúmola“, verbesserte ich. „Sieh mich nicht so an - den Ort gibt’s
tatsächlich! Pippo wurde dort geboren.“
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